Seeseite des Schlosses Chartreuse mit der grosszügigen Gartenanlage. © Frutiger AG

Chartreuse-Story – Teil 3

Das einsame Prunkschloss

Die Bestürzung war gross, als die Kunde vom Tod des Bauherrn in Thun eintraf. Die Nachricht erschütterte Frau von Zedtwitz derart, dass sie monatelang unzugänglich blieb. Der Bau der neuen «Chartreuse» wurde vorerst unterbrochen. Am 13. November 1896 kam es an einer Sitzung im Freienhof in Thun zum Bruch zwischen der Freifrau und dem Architekten Seidl; der Bau wurde eingestellt.

Erst 1901 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen und durch den Architekten Ch. Mewös aus Paris fortgesetzt. Es ist Mewös anzuerkennen, dass er Seidls Entwurf nur unwesentlich abgeändert hat. Dagegen ist es leider nicht gelungen, den alten Landsitz des Schultheissen von Mülinen der Nachwelt zu erhalten. Schon zu Lebzeiten des Freiherrn von Zedtwitz hatte dessen Gemahlin den Wunsch ausgedrückt, das ehrwürdige Gebäude abreissen zu lassen. Der Abbruch geschah 1901 durch Baumeister Johann Frutiger. Am 11. April wurde der Turm, in dem sich einst die Bibliothek Niklaus von Mülinen befunden hatte, mit Dynamit gesprengt. Der Ausbau des neuen Schlosses und die Anlage des umgestalteten Parks wurden 1902 beendigt. Freifrau von Zedtwitz pflegte die Sommermonate mit ihrem Sohn Waldemar in der Chartreuse zu verbringen. Im Dezember 1910 stirbt auch die Baronin nur 45-jährig. Das Schloss geht in den Besitz ihres 15-jährigen Sohnes Waldemar über. Dieser wird wohl von seiner Familie in Deutschland grossgezogen, das heisst, das Schloss steht leer und wurde insgesamt nur während 8 Jahren und (abgesehen vom Personal) von lediglich zwei Menschen bewohnt. Nach dem Ersten Weltkrieg, wo er an der Schlacht von Verdun teilgenommen haben soll, emigriert Waldemar von Zedtwitz in die USA. Nur so kann er das Erbe seiner Mutter antreten. Er wird professioneller Kartenspieler.

In der nächsten Ausgabe:

Kapitel 4 – die Rache der Idyll AG