Chalet «mit bester Aussicht und privatem Whirlpool» in Sigriswil: pro Jahr über 1000 Gäste.
Juwel mit Aussicht oder ein Albtraum für die Bevölkerung?
«Früher kamen die Gäste aus Deutschland einen Monat zu uns in die Ferien. Bei der Abreise haben sie die Ferienwohnung für das nächste Jahr gleich wieder gebucht.» Die Erinnerungen von Markus Achermann aus Sigriswil reichen in die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Seine Familie habe zu den ersten am Thunersee gehört, die in Oberhofen Ferienwohnungen mit Blick auf See und Niesen vermieteten. Aus den vier Wochen seien später zwei Wochen und schliesslich noch wenige Tage geworden.
«Kurzzeitvermietung» nennt man das, und Angebote sowie die Nachfrage danach sind in den letzten Jahren explodiert. Beflügelt durch digitale Plattformen und angeblich üppige Renditen, wird nun landauf, landab konventioneller Wohnraum in exklusive Ferienträume umgewandelt. Die See-Syte, begünstigt durch die schöne Lage, geht diesen Trend voll mit. Wer durch die Angebote von Airbnb klickt, hat die Qual der Wahl: Soll es am Wochenende «das preisgekrönte Architektenhaus am See» sein oder das «Juwel mit Traumsicht»? Hübsch präsentieren sich auch «die kleine Perle» am Thunersee oder der Campingbus an «idyllischer Lage». Für Romantikerinnen gibt’s die Blockhütte am Fischteich oder das Bootshaus mit Panoramablick. Sparfüchse dürften sich eher zum Gartenstudio oder Privatzimmer in der Wohngemeinschaft hingezogen fühlen.
235 gelistete Angebote gab es Anfang April laut der Statistikplattform Airdna an der See-Syte. An der Spitze lag Sigriswil (149), gefolgt von Hilterfingen (49), Oberhofen (37) und Heiligenschwendi (keine Angaben). Die Anbieter:innen, ansonsten um maximale Kundenfreundlichkeit bemüht, gaben sich gegenüber den Fragen des Journalisten zugeknöpft. «Wir nehmen nur Buchungen entgegen und geben keine Interviews», antwortete der Superhost eines Luxusappartements. Auch die Unternehmung Swiss Hut, gewerblicher Anbieter zahlreicher Logis über dem See, ging auf Tauchstation: «Da wir Teil der Arbeitsgruppe der Gemeinde Sigriswil sind, die sich mit den neuen Regelungen zur Kurzzeitvermietung befasst, können wir uns derzeit leider nicht öffentlich zu diesem Thema äussern.»
Nicht versteckt hat sich Markus Achermann, der die Tradition seiner Familie in die Gegenwart rettete und ein Chalet «mit bester Aussicht und privatem Whirlpool» in Sigriswil via Airbnb und Co. vermietet. Pro Jahr beherbergt er in seinem Chalet über 1000 Gäste aus aller Welt. «Das ist ein harter Job und bringt Wertschöpfung in die Region», sagt Achermann, der sich bei Airbnb zum Superhost und Gästefavoriten hochgearbeitet hat. Das Interview mit Achermann auf Seite 15.
Immer mehr Menschen geniessen Ferien mit Airbnb und anderen Plattformen.
SIGRISWIL: «LENKUNG, NICHT VERBOTE»
Doch der Boom hat auch Schattenseiten. Die häufigen Gästewechsel bringen Lärm und Unruhe ins Dorf. Schlimmer noch: Wenn Wohnungsbesitzer in grosser Zahl auf Kurzzeitvermietung umsteigen, wird der Wohnraum für die einheimische Bevölkerung knapp und teuer. Der Gemeinderat von Sigriswil hat deshalb die Notbremse gezogen und die Umwandlung von Wohnraum vorerst gestoppt. Die auf zwei Jahre befristete Planungszone zeige Wirkung, das Angebot habe sich stabilisiert, so Gemeindepräsident Anton Ambühl auf Anfrage des Magazins SEE-SYTE.
Nun sucht Sigriswil nach Lösungen, wie die Kurzzeitvermietung in geordnete Bahnen gelenkt werden kann. Eine Projektgruppe habe «einen Strauss von möglichen Massnahmen» erarbeitet, erklärt Ambühl. Sie sollen diesen Sommer in einer öffentlichen Mitwirkung präsentiert werden. Im Herbst oder Winter 2027 soll dann die Bevölkerung entscheiden. Die Zielsetzung des Sigriswiler Gemeinderates lautet nach Angaben von Gemeindepräsident Ambühl: Erhalt von Wohnraum für Einheimische, Ermöglichen von Tourismus in einem nachhaltigen Umfang. Der Gemeinderat setze «auf gezielte Lenkung und nicht auf Verbote». Vorgesehen seien Anpassungen im Baureglement und im Kurtaxenreglement. «Sie sehen Einschränkungen für Kurzzeitvermietung vor, jedoch keine Verbote», betont Ambühl.
HEILIGENSCHWENDI: VORAUSSCHAUEND AKTIV
Obschon bislang nur am Rand betroffen, ist auch Heiligenschwendi aktiv geworden. «Unsere Lage ist attraktiv », stellt Gemeindepräsident Thomas Heri fest. Wenn andere Gemeinden bremsen, erhöhe dies den Druck auf Heiligenschwendi. Die kommunalen Reglemente sollen darum vorausschauend überarbeitet werden. Heri: «Unser Ziel ist, klare und einheitliche Regeln für Angebote wie Airbnb sowie für Zweitwohnungen zu schaffen.» In Oberhofen war das Thema kürzlich ebenfalls traktandiert. Gemeindepräsident Philippe Tobler: «Wir haben bereits einige dieser Objekte. Dies sorgt bei den Anwohnern nicht in jedem Fall für Freude. Wir diskutieren Lösungen. Ob wir Beschränkungen erlassen oder nicht, hat sich dabei noch nicht herauskristallisiert.» Auch in Hilterfingen wird Airbnb im Rat zum Thema.
TOURISTIKER: «DEN TOURISMUS NICHT ABWÜRGEN»
Was sagen Tourismusverantwortliche zu Airbnb und Co? Norbert Schmid spricht als Geschäftsführer von Thun- Thunersee Tourismus (TTST) von einer «herausfordernden Entwicklung» für alle Beteiligten. Dabei sei die Kurzzeitvermietung ein «relevanter Eckpfeiler» in der touristischen Entwicklung am Thunersee. Gegen massvolle Beschränkungen wehrt sich Schmid nicht: «Der TTST begrüsst eine Regulierung von Kurzzeitvermietungen, jedoch auf eine Art und Weise, die den Tourismus am Thunersee nicht abwürgt.» Beschränkungen sollten sich darauf fokussieren, dass genügend Wohnraum für Einheimische erhalten bleibe und dass eine Registrations- und Deklarationsplicht eingeführt werde. Und weiter: «Aus Sicht von TTST sollte es zukünftig nicht mehr möglich sein, dass zum Beispiel ganze Häuser zu Kurzzeitvermietungen umfunktioniert werden.»
Godi Huber
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