Jasmin Reinhard erklärt die erste Tierklappe der Schweiz beim Schloss Hünegg.
«Das Medienecho auf die Tierklappe ist enorm!»
«Sowas brauchen wir in Hilterfingen eigentlich nicht», belächelte vergangenen Herbst ein Lokalpolitiker die Idee von Jasmin Reinhard und ihren ehrenamtlichen Tierfreunden, die erste Tierklappe für Kaninchen und Nagetiere in Hilterfingen aufzustellen. Und nach Erscheinen der Story über die Eröffnung wurde in den Kommentarspalten von «20 Minuten» gespottet: «Jöö, eine Meitli-Idee…»
Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten: Die Eröffnung der Tierklappe auf dem Parkplatz des Schloss Hünegg schlug medial hohe Wellen. «Sogar Zeitungen und TV-Stationen aus dem Ausland haben darüber berichtet», staunt Jasmin Reinhard über den Zuspruch und die positiven Rückmeldungen. «Die schweizweite Unterstützung zeigt uns, dass die Wertschätzung gegenüber Tieren immer grösser wird. Die Eröffnung setzte ein Zeichen: Jedes Tier zählt – und dieses Statement ist angekommen.» Die Tierklappe bietet eine anonyme Möglichkeit, Tiere in Not sicher unterzubringen. Sie soll kein Ersatz für direkte Gespräche mit der Stiftung sein. «Wir ermutigen Tierhalter:innen, den Dialog mit uns oder einem Tierheim zu suchen, um die beste Lösung für ihre Tiere zu finden», betont die Stiftungs-Präsidentin. «Man soll die Klappe nur nutzen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, um das Wohl des Tieres zu gewährleisten.»
TIERE AUS DER GANZEN SCHWEIZ ABGEGEBEN
Offenbar entspricht das einem Bedürfnis. In den ersten beiden Monaten sind schon vier Tiere in der Klappe abgegeben worden, 12 weitere Kaninchen wurden persönlich übergeben. Den Auftakt machten die zwei Kaninchen Oreo und Cookie, die mittlerweile ein neues Zuhause gefunden haben. Was die Oberländer Tierfreunde erstaunt: «Es wurden sogar schon Tiere aus dem Bündnerland oder dem Thurgau bei uns abgegeben», bestätigt Jasmin Reinhard. «Aber es ist nicht der Sinn der Sache, ein Tier quer durch die Schweiz zu fahren, um es dann loszuwerden.»
Die Tierklappe soll verhindern, dass Zwergkaninchen wie Lisa (Bild) und andere Nagetiere verantwortungslos ausgesetzt werden.
DIE KLAPPE
Wenn die Klappe frei ist, ist die Tür unverschlossen. Dahinter befindet sich eine Doppeltür aus Plexiglas. So kann das Tier durch die Mitarbeiter der Stiftung lokalisiert werden, um es optimal zu sichern. Eine auf das Tier gerichtete Kamera meldet die Abgabe. Anschliessend kann die Tür vom Halter mit einem Schloss gesichert werden, damit das Tier in Sicherheit ist. Spätestens nach 45 Minuten wird das Tier abgeholt. Das bedeutet, dass die Klappe während dieser Zeit besetzt ist.
Die Klappe hat eine Breite von 70 Zentimetern, eine Höhe von 98 Zentimetern und eine Tiefe von einem Meter. Im Innenraum befindet sich ein Technikraum mit Batterie, welche durch das Solarpanel auf dem Dach betrieben wird. Ein Lüftungsschlauch mit Ventilator gewährleistet jederzeit genügend Frischluft. Der Abgaberaum für die Tiere ist zudem isoliert.
Trotz dem grossen Medienecho und breiter Unterstützung gibt es auch Kritik an der Tierklappe. «Die Klappe macht es Tierhaltern zu leicht, ihr Tier loszuwerden», wetterte der Leiter eines Tierheims. Ganz anderer Meinung ist hingegen Simone Gyger vom Tierschutz der Region Thun: «Unsere Pflegestelle ist derzeit voll», wie sie gegenüber Radio SRF bestätigt: «Viele Menschen haben sich während Corona ein Haustier angeschafft, dass sie nun wieder loswerden wollen. Deshalb ist es wichtig, wenn es für diese Fälle auch mehrere Anlaufstationen gibt.» Die Klappe sorgt für Aufmerksamkeit, doch hinter den Kulissen arbeitet die Stiftung an weiteren Projekten. «Wissen schützt Tiere», betont Jasmin Reinhard. «Viele Tiere leiden nicht wegen böser Absicht – sondern wegen Unwissenheit.»
«KLEINTIERE SIND KEIN KINDERSPIELZEUG»
Darum ist Information und Bildung ein zentraler Pfeiler der Stiftung: «Noch immer werden Kaninchen und andere Kleintiere als Kinderspielzeug missverstanden – unüberlegt angeschafft und falsch gehalten.» Mit Schulbesuchen, Infomaterialien und einem Kinderbuch möchten die Tierschützer aufklären und das Verständnis für artgerechte Haltung fördern – den Kleintieren eine Stimme verleihen.
Aber warum Kleintiere? «Weil sie am häufigsten leiden, ohne dass es jemand bemerkt», sagt Jasmin Reinhard.
SO FUNKTIONIERT DIE TIERKLAPPE IN HILTERFINGEN
Formular ausfüllen
Ein Formular neben der Klappe (das Ausfüllen ist freiwillig) hilft den Mitarbeitenden der Stiftung Tierklappe, das Tier besser zu versorgen. Fülle es aus und lege es in die Klappe. Du kannst es auch online ausfüllen oder herunterladen auf tierklappe-schweiz.ch.
Tier in die Klappe setzen
Öffne die Klappe, setze das Tier (am besten in einer Transportbox) in die Klappe und schliesse die Tür. Eine Kamera im Innenbereich informiert das Team über die Abgabe, während deine Anonymität gewahrt bleibt. Abgabezeiten: von 6 bis 21 Uhr.
Versorgung & Pflegestelle
Das Team holt das Tier ab, lässt es beim Tierarzt medizinisch untersuchen und bringt es auf eine Pflegestelle, wo es sich erholen kann. Währenddessen wird das Tier auf der Tiermeldezentrale STMZ ausgeschrieben, denn es gilt offiziell als Findeltier.
Vermittlung
Meldet sich während zwei Monaten niemand, sucht die Stiftung ein neues Zuhause. Vor jeder Vermittlung werden Kontrollen durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Tiere künftig artgerecht und liebevoll gehalten werden. (tierklappe-schweiz.ch)
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