Idylle statt «Horror»: Buchautor Tinu Sitter lässt sich vom Blick auf den friedlichen Thunersee inspirieren. © Karin Aebersold

Vom «weissen Hecht» zum «Passagier zu viel»

Der in Hünibach lebende Aargauer Kantonsbeamte Tinu Sitter (58) legt mit «Ein Passagier zu viel» seinen zweiten Krimi auf. «Einen Krimi & Roman» berichtigt der Thunersee-Fan im grossen Interview.

Tinu Sitter, 2022 hast du mit dem Erstlingswerk «Der weisse Hecht» für Aufsehen gesorgt. Nun sorgen im Buch «Ein Passagier zu viel» die Geschehnisse auf einem luxuriösen Salondampfer für Aufregung auf dem Thunersee. Woher kommen diese Ideen?
«Normalerweise schweben diese ‹grausligen› Ideen über den See zu mir hoch. Und hie und da kristallisiert sich eine Idee auch aus einem interessanten Gespräch. Letzteres war bei der Entstehung von ‹Der weisse Hecht› der Fall. Der damalige Hype rund um übergrosse Spinnen, Schlangen und Welse am Thunersee war ausschlaggebend. Meine Partnerin und ich unterhielten uns im Schönbühl angeregt darüber. Ich blickte zum See und stellte mir ein Süsswasser- Gegenstück zum Weissen Hai vor, das plötzlich aus dem See auftaucht. ‹Der weisse Hecht› war geboren. Bei ‹Ein Passagier zu viel› waren eine Abendschifffahrt auf der Blüemlere sowie ein Presseartikel über die Never ending cruises ausschlaggebend. Mir gefiel die Vorstellung eines grossen, luxuriösen Raddampfers, der – nebst eines Galadinners – auch Kabinen für übernachtende Gäste anbietet.»

In einem Interview hast du bestätigt, dass du den Thunersee und die Region liebst. Weshalb also diese «Horror»-Geschichten?
«Die Vorstellung ‹Was wäre, wenn …› in einer solch malerischen Gegend ist für mich sehr reizvoll und spannend.»

Die Region ist sehr friedlich. Ist es nicht besonders schwierig, in dieser Idylle glaubhafte und düstere Mordfälle und Bedrohungen zu konstruieren?
«Klar mag das nüchtern betrachtet schwierig sein. Doch eigentlich muss ich nichts konstruieren; es ist leider alles da. Vereinfacht gesagt: Gute und weniger gute Menschen, Harmonie und Zwist, Fürsorge und Gewalt gibt es überall – auch in einer idyllischen und friedlichen Region. Wenn ich im Handlungsstrang zu einer düsteren Szene herantrete, dann lasse ich viel geschehen – ohne es im Voraus zu konstruieren. Die Handlungsstränge der einzelnen Figuren meiner Geschichten sind mir nicht von vornherein bekannt.»

Du lebst seit 2022 in Hünibach und arbeitest als Kantonsangestellter in Aarau. Wann findest du eigentlich Zeit, um Bücher zu schreiben?
«Die Zug(s)luft zwischen Aarau und Thun ist sehr belebend. Die Reisezeit lässt meine Gedanken frei entfalten. Und dann sind da auch noch die Wochenenden, die Frei- und Ferientage, an welchen ich zu Hause gerne auf dem Balkon sitze und die Aussicht auf den See geniesse. Aber klar, beim Schreiben einer Geschichte brauche ich wohl länger als eine professionelle Autorin oder ein Autor. Da reden wir schon von 18 bis 24 Monaten pro Geschichte.»

Wie aufwendig sind die Recherchen für deine Geschichten?
«In der Regel betreibe ich Recherchen übers Internet; man findet mich also nicht in einem Lesesaal einer Bibliothek. Aber auch für die Internetrecherchen benötige ich wohl einiges länger. Glücklicherweise bin ich nicht an einen vom Verlag vorgegebenen Veröffentlichungstermin für meine Geschichten gebunden.»

Was macht dir mehr Spass: das Recherchieren oder das Schreiben?
«Sowohl das Wühlen in und Ordnen von Fakten als auch das spontane Schreiben sind spannend und haben ihren Zauber. Das eine beflügelt gewissermassen das andere.»

Wie viel «Biografie» steckt in deinen Büchern?
«Selbstverständlich stecken in der einen oder anderen Figur oder in einer Landschafts- oder Szenenbeschreibung biografische Aspekte mit drin; ich kann diese jedoch nicht quantifizieren.»

Hast Du als Krimi-Autor Vorbilder?
«Ich sehe mich nicht unbedingt als ‹Krimi-Autor›. Meine Geschichten sehe ich auch nicht als typische Vertreter des Genres ‹Krimi›. Darum bezeichne ich meine neue Geschichte als Krimi & Roman. Aber für die Katalogisierung in den Verlagsplattformen muss man sich auf ein Genre festlegen. Nun zu deiner Frage: Zu den von mir gern gelesenen Autorinnen und Autoren zählen Donna Leon, Simon Beckett und Joël Dicker. Oder Guillaume Musso, John Irving und Martin Sit . . . ähm, Suter.»

Waren Krimis schon immer deine Lieblingslektüre?
«Wie zuvor erwähnt, ist mein Interessengebiet offener gesteckt. Aber ja, Krimis gehören definitiv zu meiner Lieblingslektüre. Die ersten, die ich in den Jugendjahren gelesen habe, waren ‹Die drei ???› und etwas später dann auch Krimis von Edgar Wallace.»

Und was fasziniert dich am Schreiben eines Krimis?
«Beim Schreiben gehe ich mit einem filmischen Ansatz heran. Wie ein Regisseur gestalte ich die einzelnen Szenen. Dabei messe ich gewissen lang angelegten, falschen Fährten – wie ich sie in einem Topkrimi irgendwie erwarte – nicht so viel Bedeutung zu. Dinge und Handlungen geschehen oft unerwartet. Das fasziniert mich.»

Welches war das letzte Buch, das du gelesen hast?
«Tatsächlich war dies ‹John & Paul – a love story in songs› (Ian Leslie). Davor erfreute ich mich am ‹Mord im Tropenhaus› (Irène Mürner), ‹The battle of Waterloo› (Jeremy Black) und ‹Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert› (Joël Dicker).»

Welches Buch hättest du gerne selber geschrieben?
«Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht ‹Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert› von Joël Dicker oder ‹Das Papiermädchen› von Guillaume Musso?»

Gibt es bereits Ideen für einen dritten Fall, der in unserer Region spielt?
«Zurzeit widme ich mich wieder vermehrt der Musik – ob allein oder mit der Band, in der ich am Schlagzeug sitze. So habe ich mir noch keine Gedanken über weitere Horror-Geschichten oder Krimis gemacht. Aber vielleicht graut mir ja bereits beim nächsten Morgengrauen eine neue, packende Vision . . .?.»

Dieter Liechti

Cover

TINU SITTER – EIN PASSAGIER ZU VIEL

Es ist die Vision des Grossunternehmers Friedli aus dem Oberaargau, den Thunersee um eine Attraktion zu bereichern. Er lässt einen luxuriösen Salondampfer bauen, auf dem zahlungskräftige Gäste aus aller Welt eine Erlebnisfahrt mit Übernachtung geniessen können: Eine Soirée mit Sternekoch-Kulinarik, Variétéprogramm, Roulette und Poker im Casino sowie ein Absacker in der Bar Captain’s Choice gehören dazu.

Anna Blattmann, Reporterin der Gratiszeitung «zurzeit », hat nach ihrem Sabbatical infolge der Hecht-Sache (siehe «Der weisse Hecht vom Thunersee») Friedlis Anfrage angenommen, die Jungfernfahrt des Salondampfers zu begleiten. Sie wird dabei in Geschehnisse verwickelt, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben und sie in Gefahr bringen.

Erkennt ihr Partner, Christian Lanz, die wachsende Gefahr? Kann er rechtzeitig eingreifen?

thunersee-cruises.ch

Das Buch gibt´s physisch bei Krebser Thun oder online.