«Selfie»: Höhlenforscher Rolf Siegenthaler und Filmer Michael Litzko beim Testen mit der 360-Grad-Kamera.

Von der Höhlenexpedition ins Planetarium SIRIUS

Die verborgene Welt unter dem Berner Oberland wird im Planetarium SIRIUS in Sigriswil erstmals als spektakuläre Show erlebbar.

Unter dem Berner Oberland verbirgt sich eine faszinierende Welt aus Schächten, gewaltigen Hallen und kilometerlangen Höhlengängen. Viele dieser Orte sind nur wenigen Höhlenforschenden bekannt und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Ein neues Projekt macht dieses verborgene Naturwunder nun erstmals für ein breites Publikum erlebbar.

Die immersive Fulldome-Show führt Besucherinnen und Besucher tief in das Sieben- Hengste-Hohgant-System – eines der bedeutendsten Höhlensysteme der Schweiz. Grundlage der Show sind reale 360-Grad- Filmaufnahmen, die während mehrtägiger Expeditionen in den Höhlen entstanden sind. Ergänzt werden sie durch dreidimensionale Visualisierungen und räumlichen Klang, die in der Kuppel des Planetariums SIRIUS in Sigriswil zu einem eindrucksvollen Gesamterlebnis verschmelzen.

Die Idee entstand aus der Zusammenarbeit des Höhlenforschers Rolf Siegenthaler mit dem Geografen und 360-Grad-Filmemacher Michael Litzko. Siegenthaler erforscht seit über 30 Jahren das Sieben-Hengste-Hohgant-System und kennt dessen weit verzweigte Gänge von zahlreichen Expeditionen. Mit Lampen aus eigener Entwicklung setzte er die spektakulären Höhlenräume für die Filmaufnahmen eindrucksvoll in Szene.

«Parque-des-Princes»: 360-Grad-Aufnahme im Fisheye-Format. Solche Aufnahmen bilden die Grundlage für die immersive Fulldome-Show im Planetarium SIRIUS.

Rolf Siegenthaler, was war die grösste logistische Herausforderung bei diesem einmaligen und beeindruckenden Projekt?
«Die Kamera selbst ist ja nicht grösser als ein Handy. Doch ohne Licht geht gar nichts und dafür braucht es einige robuste Lampen und die entsprechenden Akkus dazu. Da kommen einige Kilogramm extra zur normalen Höhlenforscher-Ausrüstung hinzu, die dann auch die fast 1000 Höhenmeter wieder an die Erdoberfläche geschleppt werden wollen. Das ist Fleissarbeit. Die Kunst jedoch ist, das Licht an den richtigen Orten zu platzieren, damit die Szenerien schön ausgeleuchtet werden.»

Und wie fühlt es sich an, nach mehr als 30 Jahren Forschung in der Dunkelheit diese Welt mit der Öffentlichkeit zu teilen?
«Sehr gut, denn wir Höhlenforscher wollen ja darüber berichten, was wir entdeckt haben. Das geht mit diesen neuen Techniken auf eine Art und Weise, wie wir das vorher nicht konnten. Wir können einzigartige Höhlenbereiche fast 1:1 zeigen, und gleichzeitig dem Publikum anschaulich vermitteln, wie sensibel und schützenswert diese Naturwunder sind. So können alle an den Schätzen teilhaben, und sie bleiben bestmöglich geschützt.»

Michael Litzko, bei 360-Grad-Aufnahmen sieht der Zuschauer alles. Wo versteckt sich das Filmteam bei den Aufnahmen, damit niemand im Bild steht?
«Bei 360-Grad-Aufnahmen gibt es keinen Bereich hinter der Kamera, doch der Kameramann muss sich nicht verstecken. Wir haben Aufnahmen bei denen die Kamera direkt in der Hand geführt wird. Das ist nah am Geschehen und fängt authentische Blicke der Protagonisten ein. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird dabei über das Licht und die Blickrichtung gelenkt.»

Wie haben Sie die Perspektive gewählt, damit die Zuschauer im Planetarium die tatsächliche Enge oder gigantische Höhe der Höhlenräume realistisch wahrnehmen?
«Unser Fokus lag für dieses Projekt auf ‹schönen›, ‹geschmückten› Höhlenabschnitten. In den Szenen, wo wir uns mit der Kamera effektiv durch die Gänge bewegen, sollte das Resultat auf der Kuppel möglichst nahe an die Realität kommen – als ob man selbst durch die Höhlenwelt spazieren würde. Die Sensation von ‹eng› haben wir bewusst vermieden, ebenso wie eine Abbildung von einem der bis 200 Meter hohen Schlote. Das stellt ganz andere Herausforderungen fürs Filmen dar. Und auch an das Publikum – Klaustrophobie und Höhenangst lassen grüssen!»

«Parque des Princes»: Diese gelblichbraune Formation versperrt ein Drittel des tiefen Teils des Hauptganges im Sieben-Hengste-System. Sie besteht aus mehreren Generationen von Tropfsteinen. © Rolf Siegenthaler

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Planetarium SIRIUS in Sigriswil. Gemeinsam mit Planetariumsleiter Marcel Prohaska wurde die Show speziell für die Kuppelprojektion entwickelt und optimal auf die technischen Möglichkeiten der modernisierten Anlage abgestimmt. Hochauflösende Projektionen, räumlicher Klang und einzigartige Aufnahmen aus dem Höhlensystem schaffen ein Erlebnis, das den Besucherinnen und Besuchern einen bisher unbekannten Zugang zur Unterwelt des Berner Oberlands eröffnet.

Marcel Prohaska, was musste technisch verändert werden, um diese Höhlen-Show möglich zu machen?
«Gerade für eine solch spezielle Produktion eignet sich unsere, vor etwa einem Jahr erneuerte digitale Projektionstechnik im Planetarium SIRIUS hervorragend. Denn diese Projektoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein nahezu perfektes Schwarz zeigen können. Die absolute Dunkelheit, die in den Höhlen herrscht, kann so eindrücklich vermittelt werden. Die neue Technik hat neue Möglichkeiten geschaffen, die nun realisiert wurden.»

Im Normalfall geniessen die Besucher den Ausblick ins unendliche Weltall, bei dieser Show erleben sie eine unbekannte, beengte Unterwelt. Passt das?
«Die Höhlensysteme in der direkten Umgebung der SIRIUS geben einen faszinierenden Einblick in die Kruste des Planeten Erde. Hier den lokalen Verwerfungen und Wasserläufen zu folgen, ermöglicht das Erkennen von grösseren Zusammenhängen. Solches Wissen schafft die Basis für die Gewinnung von neuen Erkenntnissen bei der Erforschung von anderen Planeten. Nach der Reise durch solch enge Unterwelten ist der Blick hinaus in die unsagbaren Weiten des Kosmos bei dem einen oder anderen vielleicht noch etwas weiter geöffnet als zuvor.»

Wird diese Show ein fester Bestandteil im Planetarium SIRIUS oder ist sie als zeitlich begrenzte Sonderausstellung gedacht?
«Wir freuen uns sehr, dass wir diese einzigartige Show ab sofort und regelmässig einer breiten Öffentlichkeit, aber auch individuell gebucht Schulen und privaten Gruppen anbieten können. Das bestehende und ausgezeichnete Angebot zum Thema Höhlen in der Region Thunersee wird mit dieser eindrücklichen Show um eine Attraktion reicher.»

«Gipsy Queen»: Weil alles mit glitzerndem Gipskristall überzogen ist, wurde dieser Höhlenteil «Gipsy Queen» getauft. Bei den Stalaktiten ist sehr schön zu sehen, wie sie wie mit einer «Zuckerschicht» überzogen sind.

EINZIGARTIG IN DER SCHWEIZ

Neben spektakulären Höhlenräumen und eindrucksvollen geologischen Formationen vermittelt die Produktion Wissenswertes über die Entstehung, Erforschung und Bedeutung des Höhlensystems. Sie verbindet Wissenschaft, Naturerlebnis und modernste Visualisierungstechnologie zu einem immersiven Erlebnis, das in dieser Form in der Schweiz einzigartig ist.

Gleichzeitig besitzt das Projekt eine starke regionale Verankerung. Es macht einen wenig bekannten Teil des Naturerbes des Berner Oberlands sichtbar und eröffnet neue Möglichkeiten der Wissensvermittlung für Schulen, Familien sowie naturinteressierte Besucherinnen und Besucher.

Die Premiere findet am Samstag, 22. August, statt. Am 13. September wird zudem der UNESCO International Day of Cave and Karst gewürdigt.

Dieter Liechti

sternwarte-planetarium.ch
upsidedown360.ch