«Haus am See»: Aline und Alain de Roche sowie Leandro Tillmann (Bruder von Aline) von der Anderswo Objektmanagement GmbH stehen hinter dem Erfolg der zeitlich befristeten Patchwork-Gastronomie in Oberhofen. © Patric Spahni
«Wir füllen Leerstand mit neuem Leben»
«Leerstände und Menschen zusammenbringen» – das klingt nach einer Mission. Was treibt euch an, wenn ihr ein ungenutztes Gebäude seht?
«Unser Slogan sagt es eigentlich am besten: Wir füllen Ihren Leerstand mit Leben. Das klingt einfach, aber dahinter steckt eine Überzeugung, die uns täglich antreibt. Unbewohnte Gebäude stehen still – und das zieht oft die falsche Aufmerksamkeit auf sich. Sie verlieren Energie, sie verfallen nicht nur physisch, sondern auch als Orte der Begegnung. Wenn wir ein leerstehendes Gebäude sehen, fragen wir sofort: Was könnte hier entstehen? Wer würde hier eine gute Zeit verbringen? Wir schaffen aus Leerstand attraktiven Mietraum auf Zeit – für Menschen, die bezahlbaren Wohnraum suchen, für kreative Köpfe, für kommerzielle Projekte. Das belebt die Umgebung, stärkt die Nachbarschaft und begleitet das eigentliche Bauvorhaben positiv.»
Gab es einen Schlüsselmoment, in dem euch dreien klar wurde: «Wir gründen jetzt eine Firma für Objektmanagement»?
«Das fängt mit einem von uns umgebauten Bauwagen an. Der stand in Hilterfingen und diente der NEB Thun Lodge als Zusatzzimmer. Als dieser Betrieb aufgegeben werden sollte, hat Aline bei der Gemeinde nachgefragt, ob wir zumindest die WC-Anlage des Gebäudes weiternutzen dürften. Die Antwort überraschte: Wir konnten die ganze Wohnung übernehmen und die Herberge weiterführen – bis zur Renovation. Das war unsere erste Zwischennutzung – und so hat Anderswo angefangen.»
Als Geschwister und Ehepartner eine Firma zu führen, kann eine Herausforderung sein. Wie schafft ihr die Balance?
«Anderswo ist ein Familienprojekt – entstanden aus einer gemeinsamen Idee der Geschwister Aline und Leandro, die sie gemeinsam mit Alain verwirklicht haben. Wie in jeder guten Familie gibt es Momente, wo die Grenzen zwischen Küchentisch und Geschäftssitzung verschwimmen. Was uns schützt, ist genau das, was Anderswo als Ganzes trägt: verwurzelt in Familie, getragen von Vertrauen und einem klaren Blick fürs Machbare.»
«Publikumsmagnet»: Bis mindestens September 2027 bleibt das «Haus am See bestehen».
VOM DANCING ZUM HOTEL
Einst lockte die «Schönau» die Jugend der Region ins Dancing, dann wurde das einstige Hotel zur beliebten Pizzeria, dann griff man mit dem «Stella del Lago» nach den Sternen und schliesslich wurde die Location direkt am Thunersee zum Fall für das Konkursamt. Der Oberhofner Unternehmer Lorenz Harzenmoser kaufte die Liegenschaft 2017 und plant, das derzeitige «Haus am See» in ein modernes Hotel umzubauen.
Wie teilt ihr euch die Rollen auf? Wer bringt welche Superkraft mit in das Projekt?
«Leandro ist der Türöffner – er hat ein natürliches Talent dafür, Menschen zu begeistern und neue Objekte oder Partnerschaften aufzubauen. Aline ist die treibende Kraft dahinter: Sie erkennt potenzial in jedem Objekt und ihr visionärer Geist sprudelt vor Ideen und Möglichkeiten . Alain kümmert sich vor allem ums Digitale und die strategische Entwicklung: Wie kommunizieren wir nach aussen? Wie skalieren wir, ohne den persönlichen Charakter zu verlieren? So können wir alle in dem Bereich aktiv sein in dem wir unsere Stärken haben – manchmal noch etwas unstrukturiert, aber genau das hält uns lebendig.»
Zwischennutzungen wie das «Haus am See» sind temporär. Wie geht ihr damit um, etwas Schönes aufzubauen, das per Definition keine dauerhafte Zukunft hat?
«Das ist tatsächlich die Frage, die uns am häufigsten gestellt wird – und die uns selbst am meisten beschäftigt. Es gibt da eine japanische Idee, die uns gefällt: dass Dinge gerade wegen ihrer Vergänglichkeit schön sind. Weil wir wissen, dass ein Ort nur für eine begrenzte Zeit existiert, gehen wir mit ganz anderer Sorgfalt und Aufmerksamkeit damit um. Aber gleichzeitig wissen wir: Was wir aufgebaut haben, lebt in den Erinnerungen der Menschen weiter. Zeitlos schön. Zeitlich begrenzt.»
Die Hitze war Thema Nummer 1 diesen Sommer. Hat das dem «Haus am See» gut getan, oder habt ihr auch gelitten?
«Ganz ehrlich: es ist nicht schwierig im Sommer Liegenschaften am Thunersee zu vermieten. Wer direkt am Wasser liegt, hat die besten Karten. Das Hotel ‚Haus am See‘ war immer gut besetzt Die ‚TerraSee‘ von Tamara und Bart war jeden Abend voll, das Wasser vor der Haustüre war der perfekte Ausgleich. Und unser Holzofen-Pizza-Betrieb, den wir diesen Sommer aufgenommen haben, lief besser als erwartet. Es ist ein bisschen paradox: Ein Holzofen bei 35 Grad – aber die Leute lieben es. Pizza aus dem Holzofen, der Blick auf den See, das Abendlicht auf den Bergen. Diese Kombination funktioniert einfach.»
«Pizza-Express»: Leandro, Aline und Alain denken über einen Pizza-Lieferdienst nach.
Was wird im Herbst und Winter im «Haus am See» laufen?
«Der reguläre Hotelbetrieb läuft das ganze Jahr. In dieser Jahreszeit sind wir besonders beliebt bei Arbeitern, die von ausserhalb in der Region Thun tätig sind. Und dann gibt es noch das Winterprogramm im unteren Bereich: ‚TerrasSee Winter Edition‘ mit Gastronomie, diversen Konzerten und Spezial-Events wie Kino Abende und aktive Workshops. Das Haus bekommt im Winter eine ganz andere, fast meditative Qualität – wenn der See im Nebel liegt und die Berge verschwinden. Pizza kann auch in den Wintermonaten vor Ort genossen werden. Und der Wintergarten soll ein unkomplizierter, lebendiger Ort der Begegnung sein.»
Wie lange dauert der Mietvertrag?
«Bis September 2027. Wir sind aber bereits mit dem Eigentümer im Gespräch, um die Zukunft gemeinsam zu planen – das gehört zu unserem Ansatz: frühzeitig und offen kommunizieren, bevor Entscheidungen zum Sachzwang werden.»
Nach welchen Kriterien wählt ihr Immobilien aus – emotional oder strategisch?
«Das Gefühl kommt zuerst – aber dahinter steckt ein System: Wenn uns ein Objekt anspricht, prüfen wir es entlang drei Achsen: Erstens die Verwaltung – können wir es ausschreiben, vermieten, unterhalten und bei Bedarf sauber kündigen? Zweitens die Instandsetzung – lässt sich das Objekt mit verhältnismässigem Aufwand auffrischen und bezugsfähig einrichten? Wir setzen dabei bewusst auf bestehende Ressourcen statt auf Neuanschaffungen. Drittens die Projektplanung: Gibt es ein Potenzial für ein Hotel, ein Restaurant, ein Gemeinschaftsprojekt? Denn unser Kernversprechen heisst immer: Gut für die Umgebung. Gut für die Menschen. Gut für das Bauvorhaben.»
Hünibach und die Thunersee-Region sind eure Heimatbasis. Aber wie reagiert die lokale Bevölkerung auf eure eher unkonventionellen Pop-up- und Umnutzungskonzepte?
«Die Reaktionen haben sich verändert. Am Anfang gab es viel Skepsis. Heute, nach einigen Jahren und sichtbaren Projekten, merken wir: Das Interesse wächst. Eigentümer und Projektleiter, die früher gezögert hätten, melden sich inzwischen von selbst. Die Immobilienbranche beobachtet uns mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht – das ist in Ordnung. Wir beweisen lieber mit konkreten Ergebnissen, dass unser Konzept funktioniert, als mit grossen Versprechen.»
«Traumprinzip»: Das Seehaus in Einigen und das Chalet Edelweiss in Sigriswil mit dem einmaligen Ausblick auf den Niesen sind zwei der Objekte, die Anderswo zum Leben erweckt hat. «Wir füllen Leerstand mit Leben.»
Welchen Einfluss hatte die Region Thun auf eure Entwicklung? Kann Anderswo auch in einer Grossstadt funktionieren?
«Die Region hat uns geprägt hier sind wir vernetzt und verwurzelt. Das Berner Oberland hat eine Art von bodenständiger Gastlichkeit, die sich nicht erzwingen lässt. Die Menschen hier schauen genauer hin, geben Vertrauen langsamer – aber wenn, dann wirklich. Wir als Team Anderswo werden in Zukunft auch überregional aktiv sein.»
Ihr habt einen Wunsch frei: Welches Objekt würdet ihr gerne wiederbeleben?
«Wenn man sich unsere bisherigen Projekte anschaut – vom Seehaus in Einigen über das Chalet Edelweiss in Sigriswil – dann sieht man: Wir haben kein einziges Traumobjekt. Wir haben ein Traumprinzip. Seehäuser und Chalets, Flachland und Berge, kleine Apartments und grosse Mehrfamilienhäuser – das Potenzial liegt nicht in der Art des Gebäude allein, sondern darin, was man daraus macht. Deswegen richten wir diesen Wunsch direkt an Eigentümer und Investoren: Wenn Sie ein leerstehendes Objekt haben und eine sinnvolle Lösung suchen, bis Ihr Bauvorhaben startet – sprechen Sie mit uns.»
Wo steht Anderswo in fünf Jahren? Sollen Pop-ups euer Markenkern bleiben, oder strebt ihr langfristig auch dauerhafte Quartierprojekte an?
«Die Vergänglichkeit bleibt unser Kern – aber die Lektionen aus jedem Projekt bauen sich auf. In fünf Jahren wollen wir mehr Objekte in der Region verwalten, mehr Eigentümern zeigen, dass Zwischennutzung eine echte Alternative ist. Dauerhaftere Projekte wären eine natürliche Weiterentwicklung, keine Abkehr von dem, was wir sind. Ein konkretes Vorhaben, das wir im Auge haben: Wenn die Resonanz auf unsere Holzofen-Pizzeria weiterhin so positiv ist und der Ruf nach einem Lieferdienst laut wird – dann starten wir damit in den Wintermonaten zuerst in Oberhofen, Hilterfingen und Hünibach. Wirtschaftlich muss das natürlich gut durchdacht sein. Aber manchmal schreibt das Leben selbst den nächsten Schritt.»
Interview: Dieter Liechti
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